Dieter Roth

Restaurierung und konservatorische Betreuung der Objekte aus chemisch problematischen, zum Teil organischen Materialien des Archivs Sohm

Dieter Roth, Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in 20 Bänden (Detail), 1974, Suhrkamp Taschenbuchausgabe zerkleinert, mit Gewürzen und Schmalz angereichert in Wurstdärmen an Holzgestell, © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth

Objekt:

Dieter Roth, Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in 20 Bänden, 1974, Staatsgalerie Stuttgart, Archiv Sohm, Inv.-Nr.: AS 1999/1271

 

Bei dem Objekt handelt es sich um eine zerkleinerte Suhrkamp-Taschenbuchausgabe der Hegelwerke (20 Bände), die mit Gewürzen und Schweineschmalz angereichert und in Wurstdärmen abgefüllt wurde. Die 20 sogenannten Literaturwürste sind in einem Holzregal an Schnüren aufgehängt.

Während der Präsentation der Arbeit in der Sammlung sind zwei Würste aufgrund von Versprödung der Aufhänge-Schnüre herabgestürzt, wobei eine beim Aufprall zerbrach.
Nach eingehender Begutachtung der gesamten Arbeit hat sich herausgestellt, dass es neben dem Bruch der einen Wurst aufgrund von Alterung und Versprödung zu weiteren Veränderungen und Schäden an den Wurstoberflächen gekommen war. Es zeigten sich alte Risse in den Wursthäuten, die teilweise ungenügend verklebt waren bzw. deren Rissränder aufstanden. Zudem gab es alte Fehlstellen in den Häuten, die vereinzelt durch veränderte Retuschen auffielen, des Weiteren kam es durch alte Verklebungen zu Verfärbungen und Veränderungen im Glanz. Einige Etiketten wiesen Risse, Flecken und Bereiche mit beriebener Oberfläche auf.

Durch eine ausführliche Untersuchung, Dokumentation und Schadensanalyse des Kunstwerks sollte ein geeignetes Restaurierungskonzept entwickelt werden, welches die Präsentation der Arbeit unter Berücksichtigung von konservatorischen Aspekten wieder ermöglicht.

Nach einer Ausschreibung erfolgte im Juli 2015 die Auftragsvergabe zur Erstellung eines Restaurierungskonzeptes an das Atelier Daiber & Schlesinger, Stuttgart.
Im Atelier wurde der jeweilige Erhaltungszustand der 20 Würste mit bloßem Auge sowie mikroskopisch und unter UV-Licht untersucht, beurteilt und dokumentiert, sowohl schriftlich als auch fotografisch. In diesem Zuge wurde die Herstellungsweise der Literaturwürste rekonstruiert. Hierzu konnte das Atelier Daiber & Schlesinger auch bestehende Kontakte zur Familie des Künstlers und zur Dieter Roth Foundation heranziehen.

Die Analyse und Auswertung der Wursthaut sowie der Fasern der Aufhänge-Schnüre erfolgte mit dem FTIR-Spektrometer unter Leitung von Frau Dr. Julia Schulz an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste. Die Analyse ergab, dass es sich bei der Wursthaut um einen Kunstdarm und bei den Aufhänge-Schnüren um eine Kunstfaser handelt.

Für die Ursachenforschung und Konzeptfindung wurden zudem mehrere »Literaturwürste« nach Rezept hergestellt und einer künstlichen Alterung unterzogen. Der Alterungstest erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Institut für Konservierungswissenschaften an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Diese »Probewürste« konnten vorrangig für verschiedene Versuche und Maßnahmen für das zu erstellende Restaurierungskonzept herangezogen werden.

Auf Grundlage des erarbeiteten Konzeptes wurde das Atelier Daiber & Schlesinger im Februar 2016 mit den anstehenden Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten beauftragt.

In einem ersten Arbeitsgang wurden die Oberflächen der Wursthäute mit einem weichem Pinsel und dem Staubsauger entstaubt und anschließend mit einem Latexschwamm trocken gereinigt. Das Holzgestellt wurde ebenfalls gereinigt.

Die Konsolidierung der aufstehenden Risskanten erfolgte mit einem Acrylkleber. Fehlstellen in der Haut wurden mit einer cellulosefasermehlhaltigen Kittmasse geschlossen, die zur besseren optischen Angleichung in unterschiedlichem Ausmaß mit Pigmenten eingefärbt wurde. Die Retusche der hellen Risskanten, Fehlstellen und Kittungen erfolgte mit Aquarellfarbe.
Die beiden Teile der zerbrochenen Wurst wurden mit einem Acrylkleber verleimt. Zur Stabilisierung der Verleimung wurde ein Bambusholzstäbchen vertikal als eine Art Dübel eingebracht.

M. Schlesinger während Kittung, Foto: Atelier Daiber & Schlesinger

Ein Hauptaugenmerk der Restaurierung lag auf den Aufhänge-Schnüren und den Wurstkappen, an denen die Schnüre verknotet sind. Durch Materialermüdung kam es nicht erst jetzt, sondern bereits in der Vergangenheit zu Abstürzen einzelner Würste, wie sich bei der vorhergegangenen Untersuchung herausstellte. Daher musste eine Möglichkeit gefunden werden, die originalen Schnüre und deren Knotenpunkt an den Wurstkappen zu entlasten. Hierfür wurde eine kleine Edelstahl-Gewindestange, die mit einer Öse und einem Schlitz zum Einschrauben versehen wurde, nahe der Verknotung in einem Winkel von ca. 30° eingedreht. Zudem wurde eine mehrfach geflochtene Vorfachschnur aus dem Anglerbedarf zuerst in die Öse eingefädelt, dann mit einer chirurgischen Nadel von unten um den »Wurstzipfel« geführt, mehrmals um die originale Aufhänge-Schnur gewickelt und abschließend so verknotet, dass sie gegenüber der originalen Schnur leicht verkürzt ist. Bevor die Gewindestange beim Eindrehen ca. 2mm unter dem Niveau der Wursthaut verschwindet, wurden die beiden Enden der Anglerschnur im Bereich des »Wurstzipfels« verknotet. Die »Gewindelöcher« wurden abschließend gekittet und retuschiert. 

Durch die leichte Verkürzung der Hilfsschnur und der »schrägen« Verankerung der Gewindestange als Halterung wird nun eine dauerhafte Entlastung der originalen Aufhängungen gewährleistet.

Dank der großzügigen Unterstützung der Wüstenrot-Stiftung konnte das Werk in seiner Materialität, aber auch in Bezug auf sein Schadensbild, eingehend erforscht und dokumentiert werden. Gleichzeitig wurden dadurch die Grundlagen für zukünftige konservatorische Maßnahmen erarbeitet. Die gewonnenen Erkenntnisse und die darauf folgende Restaurierung haben dazu beigetragen, dass Dieter Roths Werk nach langer Zeit wieder in den Ausstellungsräumen der Staatsgalerie präsentiert wird.

Das Projekt wurde von der Wüstenrot-Stiftung gefördert.

Ansprechpartnerin:

Katja van Wetten
T +49 711 470 40 132
k.vanwetten@remove-this.staatsgalerie.de

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