LA SERENISSIMA

Zeichenkunst in Venedig vom 16. bis 18. Jahrhundert


11.10.2019 - 2.2.2020

Graphik von Dizian
Gaspare Diziani, Fête galante (Gesellschaft im Freien), um 1740/50 (Detail), Feder in Braun, braun laviert über schwarzer Kreide, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung

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Pressetext


Seit dem 15. Jahrhundert herrscht Venedig über die Provinz Venetien, das Friaul sowie einen großen Teil der Lombardei. Händler und Kaufleute, Intellektuelle und Geistliche aus aller Welt bevölkern die Stadt, im 16. Jahrhundert sind zahlreiche Verleger und Drucker dort tätig. Das Zeichnen wird als eigenständige Gattung populär, wenn auch in eher unabhängiger Form, d.h. es dient seltener zur Planung eines auszuführenden Gemäldes oder Freskos.

Venedig und seine besondere geographische Lage prägen in hohem Maße den individuellen Stil dieser Kunstlandschaft. Die einzigartigen Lichtverhältnisse in der vom reflektierenden Wasser umgebenen Lagunenstadt und die leicht dunstige, von winzigen Tropfen durchtränkte Luft rufen eine ganz eigene Form der Wahrnehmung hervor. Dies inspirierte nicht nur die venezianischen Maler, sondern vor allem die Zeichner, »sprezzatura« (Lässigkeit) wurde zum Leitmotiv.

Der Strich, oft mit der Feder, übernimmt die führende Rolle, schwungvoll, vibrierend, in tänzerischer Leichtigkeit und als Spiegelung des im Sonnenlicht flirrenden Wassers. Neben spielerisch hingestreuten Tupfen oder Linienhäkchen wird vor allem die Lavierung eingesetzt, um die flimmernden Effekte wiederzugeben. Zur Feder gesellt sich die weiche Kreide, blaues Papier wird zum Markenzeichen. Besondere atmosphärische Werte wie das Spiel von Licht und Schatten auf der Oberfläche von Gestalten und Dingen, Bewegung, Stimmung von Wetter oder Tageszeiten, werden zu Bedeutungsträgern. Es entstehen dabei Kompositionen mit »viel Papier«, das heißt eher sparsam eingesetztem Zeichenmaterial und feinfühligem Gespür für ausgedehnte Flächen.

Im Gefolge junger Maler wie Giorgione, Tintoretto und Veronese kommen neue Bildthemen auf, die Landschaft wird im Kreis von Tizian zum eigenständigen Element der venezianischen Kunst. Entlang der Brenta entstehen Villen, die Platz für große Raumprogramme bieten. Beliebt werden Darstellungen, die den Herrscher und seine wohlwollenden Taten in gutem Lichte dastehen lassen, wie "Alexander und der tote Darius" (Sebastiano Ricci), "Die Frauen des Darius vor Alexander" (Giovanni Antonio Guardi) oder "Die Enthaltsamkeit des Scipio" (Santo Piatti).

Schon im 16. Jahrhundert besticht die venezianische Kunst durch außergewöhnliche Maler und Zeichner wie Jacopo Tintoretto, Paolo Veronese und Jacopo Palma Il Giovane. Im 17. Jahrhundert setzt Giuseppe Diamantini mit seinem freien Linienspiel ein deutliches Statement. Unmittelbare Nachfolger wie Sebastiano Ricci, Luca Carlevarijs, Giovanni Antonio Pellegrini, Gaspare Diziani und Giovanni Antonio Guardi arbeiten nicht nur in Venedig, sondern auch für Auftraggeber in ganz Europa und führen die Kunst der »Serenissima«, der »Allerdurchlauchtigsten«, wie Venedig liebevoll genannt wurde, zu höchster Blüte.

Demgegenüber etabliert sich jedoch auch eine Kunst, die mit starken Licht- und Schatten-Kontrasten arbeitet und eher feste Formen schafft, deren Protagonisten wie Federico Bencovich und Giovanni Battista Piazzetta »tenebrosi« (Hell-Dunkel-Maler) genannt werden. Ihnen ist Giovanni Battista Tiepolo zunächst in seiner Anfangszeit verpflichtet, um 1725 wandelt sich jedoch sein Stil entschieden, vor allem unter dem Einfluss von Ricci und Pellegrini. Helles Licht bestimmt nun seine Kompositionen, die ihn zu einem der bedeutendsten Vertreter des »rococò veneziano« machen: Schon Zeitgenossen bemerkten, dass auf Tiepolos Fresken »die Sonne scheine«.

Parallel zum Niedergang der Republik Venedig bestimmen den Ausklang der großen Epoche der venezianischen Zeichnung sein Sohn Giovanni Domenico Tiepolo sowie schlussendlich Giuseppe Bernardino Bison, der mit seinem pointierten Einsatz der Lavierung noch bis ins frühe 19. Jahrhundert die Tradition weiterträgt, die auf dem letzten Venezianer, ja in gewissem Sinne letzten großen italienischen wie europäischen Barockmeister Giovanni Battista Tiepolo beruht.

 

 

Gaspare Diziani, Fête galante (Gesellschaft im Freien), um 1740/50, Feder in Braun, braun laviert über schwarzer Kreide auf elfenbeinfarbenem Papier, 22,2 cm x 16,7 cm, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung
Luca Carlevarijs, Interieur mit vier Figuren, um 1710/20, Feder in Braun über schwarzem Stift auf elfenbeinfarbenem Papier, 17,2 cm x 28 cm, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung
Giuseppe Bernardino Bison, Sieben Frauen am nächtlichen Feuer sich wärmend, um 1820/30, Feder in Braun, braun laviert auf elfenbeinfarbenem Papier, 13,2 cm x 18,2 cm, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, Sammlung Schloss Fachsenfeld
Giovanni Antonio Guardi, Die Frauen des Darius vor Alexander, um 1750, Feder in Braun, graubraun laviert über Rötel auf elfenbeinfarbenem Papier, 31,1 x 55,2 cm, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, Sammlung Schloss Fachsenfeld
Sebastiano Ricci, Tod des Darius, um 1710/20, Feder in Braun, braun laviert über Rötel auf elfenbeinfarbenem Papier, 20 cm x 28,8 cm, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung
Giovanni Battista Piazzetta, Mönch von Engeln getröstet, um 1730/40, schwarze Kreide auf hellbraunem Papier, 31,9 cm x 19 cm, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, Sammlung Schloss Fachsenfeld
Jacopo Tintoretto, Sitzende weibliche Gestalt nach rechts (Fides) um 1576, schwarze Kreide, weiß gehöht auf blaugrünem Tonpapier, 19,4 cm x 34,2 cm, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, Sammlung Schloss Fachsenfeld
Paolo Veronese, Skizzen für eine Verehrung der Muttergottes und Entführung der Europa, um 1572/73, Feder in Braun, braun laviert, weiß gehöht auf bläulich-grünem Papier, 29,6 cm x 27,4 cm, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, Sammlung Schloss Fachsenfeld
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