Worum es geht
Transkription: weihnachten 1926 lieber willy, weihnachten scheint die einzige gelegenheit zu bleiben, sich etwas mitzuteilen, die hetze des übrigen jahres erlaubt es ja nicht. es ist schlimm, dass das so ist, das macht das herrliche tempo unserer herrlichen zeit!--- nun wäre lange endlose berichte nötig, wollte man gründlich sein, was alles gäb es zu sagen! ich muss mich kurz fassen, um alle die noch notwen- digen briefe rechtzeitig fortzubringen. leider habe ich dir auf deine bitte, den stammbau betreffend, noch nichts geschickt. da geben vielleicht die feiertage gele- genheit, das in muse zu tun. ich freu mich sehr, dass du das alte problem wieder aufgreifst, problem insofern, als ich ja den "baum" als nicht richtig empfinde, sondern den "gewächsausschnitt". alles fliesst... wenn formal-künstlerisch etwas zu tun ist, ich bin dabei. ---der grosse rummel um das bauhaus und seine einweihe ist vorüber, es wird ruhiger, besinnlicher. dessau rüstet zwar zu einer grossen offensive contra! und schmeisst mit dreck was zeug hält. wie das endet weiss man nicht. ich selbst glaube, dass es auf die dauer nicht geht, sich in gegensatz zu stellen mit einer bevölkerung, die das geld dazu gibt. vorläufig ist es so und es wird so rasch nicht gehen, industrie oder reich zu gewinnen, dessau abzulösen. ---mein besonderes gebiet bühne macht mir ebensoviel kummer wie freude. kummer weil die mittel knapp sind für diese zwecke, und ich selbst nichts habe,- freude weil es eben doch reizt, ideen zu verwirklichen, die sonst nirgends in deutschland verwirklicht wer- den. insofern ist man einzelner auf speziellem gebiet, in der ma- lerei ist man einer der vielzuvielen. obwol mir klar ist, dass dei wahren werte hier liegen. dort ist abhängigkeit von menschen und dingen: man steht und fällt mit ihnen. nicht so in der freien unabhängigen malerei oder "kunst".-- in der berl. illustr. vom 30.dez. wirst du etwas von mir finden. bühnensache vom fest. vielleicht muss ich nächstens im rundfunk sprechen über bühne. ---das ballett in metro war nicht das erhoffte an gewinn, ich musste klagen weil die leute nicht zahlten. jetzt vergleich auf raten. wenig genug. aber das amerikanische und englische interesse ist da und es wird früher oder später was draus werden. möglicher- weise fahre ich selbst hinüber. antrag liegt vor. (sag bitte nichts den burgers davon, die jetzt, nachdem ich mich rege, auch wieder an- zufangen scheine (freudenstadt). die thüringer haben ihren dorfner zum prof. gemacht!! lokale an- gelegenheit und z.t. scham über den tausch bauhaus. was jetzt ist scheint faul, wörtlich, die tun einfach nichts. wir taten zuviel! jetzt legen sie sich auf die verherrlichung von dem was ihnen ge- blieben. zu weihnachten richte ich das 6. "trostbüchlein" für tut, worin immer seit 6 jahren die unerfüllten wünsche drin stehen. um dieser tradi- tion treu zu bleiben- sowas bleibt man treu- darf ich mir veilleicht heute schon die belieferung mit solchen büchelchen erbitten? wie gehts bei euch? ich weiss nicht, wo die mädchen sind und ob sie nach hause kommen. wie gehts emilie, der frau mutter? wie lange haben wir nichts gehört! am 25. fahr ich in die berge nach berchtesgaden mit ferienzug, leider nicht über stuttgart. ich hoffe sehr und wir alle hoffen es, von euch zu weihnachten etwas zu erfahren und senden fürs fest die herzlichsten der grüsse! Oskar Tut Karin Jai Til
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