Blick hinter die Kulissen

Ein zufälliges Treffen mit der Künstlerin Hyein Kim

20. November 2025

Begegnungen mit Kunstschaffenden zählen zu den spannendsten Momenten im Museumsalltag. Im Oktober zeigte die Staatsgalerie mit »A–Z. Mapping the Future« die Abschlussarbeiten junger Künstlerinnen und Künstler der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Einen dieser Momente durfte ich im Oktober bei der exklusiven Führung für uns Mitarbeitende erleben. Drei der Künstlerinnen waren persönlich anwesend und erzählten von ihrer Arbeit und wir konnten mehr über die Hintergründe ihrer Abschlussarbeiten erfahren.

Mutige Entscheidung für ein Leben mit der Kunst

Besonders angesprochen hat mich dabei die Malerei von Hyein Kim, deren Arbeiten sich mit Emotionen, Selbstwahrnehmung und gesellschaftlichem Druck auseinandersetzen. Themen, die viele jungen Menschen nur zu gut kennen. Nach der Führung kamen wir ins Gespräch. Hyein ist eine sehr offene Person, die meine neugierigen Fragen ohne zu zögern beantwortete. 

Kunst ist für mich ein einzigartiges Werkzeug, um meine innersten Gefühle und Meinungen auf eine visuell ansprechende, aber gleichzeitig sanfte und gewaltfreie Weise zu vermitteln.

Bereits mit 16 Jahren fasste sie den Entschluss, Künstlerin zu werden, ein mutiger Schritt. Sie verließ die Schule und bereitete sich zwei Jahre in Korea und Deutschland intensiv auf das Kunststudium vor, lernte Deutsch und arbeitete an ihrer Mappe. Je nach Kunsthochschule müssen dafür 20 bis 25 Originalwerke eingereicht werden, ein aufwendiges Verfahren, das viel Disziplin und Vorbereitung erfordert. Doch die Mühe hat sich gelohnt: Mit 18 Jahren begann Hyein ihr Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.

Warum Stuttgart?

»Die Kunstaufnahmeprüfungen in Korea legen oft einen starken Fokus auf die technische Perfektion und handwerkliche Beherrschung. Mich interessierte jedoch weniger die reine Technik, mit der man ein Foto exakt kopieren kann, als vielmehr die Frage, wie man unsichtbare, immaterielle Gedanken visuell übersetzen kann, die eigentliche Essenz der Kunst«, erklärt Hyein ihre bewusste Entscheidung, in Deutschland zu studieren. Mit der philosophischen Tradition und Offenheit für Konzeptkunst erschien Deutschland ihr als idealer Ort. Besonders die Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart faszinierte sie:

Die Akademie hat hervorragend ausgestattete Werkstätten und Professorinnen und Professoren mit ganz unterschiedlichen Ansätzen. Diese Vielfalt eröffnete mir als Anfängerin breite Wege und vielfältige Möglichkeiten der Entfaltung.

Im Gespräch erwähnt Hyein auch ihre besondere Verbindung zur Staatsgalerie. Vier Jahre lang arbeitete sie hier als Aufsicht, um ihr Studium zu finanzieren. Eine Zeit, in der sie viele Stunden in unserer Sammlung verbrachte. Beim Betrachten der historischen Meisterwerke scherzte sie manchmal mit einer Kollegin: »Vielleicht können wir hier ausstellen, wenn wir mal gestorben sind.« 

Deshalb ist die Ausstellung »A–Z Mapping The Future« für mich so bedeutsam: Die Akademie und die Staatsgalerie haben meinen Traum wahr gemacht. Ich betrachte diese Ausstellung als ein bedeutungsvolles Abschiedsgeschenk, das mein Leben als Künstlerin direkt nach dem Studium unterstützt und bekräftigt.

Kunst als Spiegel

In ihren Werken thematisiert Hyein die Spannung zwischen äußeren Erwartungen und inneren Empfindungen. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das in der Serie, die in der Staatsgalerie zu sehen war – mit den Arbeiten Pferderennen, Bienenstich und Victory of Lays. Darin übersetzt sie negative Emotionen und deren Überwindung in ihre Malerei. 

Besonders meine und die jüngere Generation stehen unter dem ständigen Druck, dem Ideal einer coolen und erfolgreichen Imagevorlage gerecht zu werden, die uns über die Highlights auf Social Media täglich entgegenströmt.

Hyein spricht offen über die Zeit, in der sie selbst unter dem Druck litt, sich ständig durch Erfolge vor einer externen Welt beweisen zu müssen – einem Ideal folgend, dass gar nicht ihr eigenes war, und der Leere, die dadurch in ihr entstand. Sie erkannte, dass sie sich diesen Emotionen stellen musste. So entstand die Serie Bienenstich, in der sie negative Emotionen verarbeitete, die in der Gesellschaft oft tabuisiert werden: Eifersucht, Wut, Angst und Lethargie. 

Hyein ist überzeugt, dass man solche Emotionen nicht verstecken sollte, da sie zur menschlichen Natur gehören und ihre Unterdrückung sie nur im Verborgenen wachsen lässt. 

Ich möchte, dass die Betrachterinnen und Betrachter durch meine Arbeiten dazu ermutigt werden, ihrer inneren Stimme zu folgen und die Freiheit zu erlangen, sie selbst zu sein, anstatt nur den Erwartungen anderer gerecht zu werden.

Auch Werke aus der Sammlung der Staatsgalerie haben den Umgang mit Emotionen in ihrem künstlerischen Werk geprägt. Besonders Raum 32, in dem surrealistische Positionen von Max Ernst, Salvador Dalí und Joan Miró präsentiert werden, hinterließen einen nachhaltigen Eindruck. Die von diesen Künstlern angewandte Methode der automatischen Schreibweise, das unmittelbare Übersetzen innerer Impulse auf die Leinwand, wurde für Hyein zu einer wichtigen Inspirationsquelle.

Do You Clean Your Mirror, Everyday?

Wer die Ausstellung in der Staatsgalerie verpasst hat, hat ab dem 16. Januar die Gelegenheit, weitere Arbeiten von Hyein zu sehen. Dann zeigt sie in der Städtischen Galerie am Laien in Ditzingen ihre Einzelausstellung Do You Clean Your Mirror, Everyday? – eine Fortführung ihrer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Erwartungen, den Vorstellungen anderer und unseren eigenen Vorurteilen. 

Ich wünsche mir, dass meine Arbeiten für die Besucherinnen und Besucher wie ein Spiegel fungieren, der sie dazu anregt, sich selbst und ihre Situation zu hinterfragen. […] Diese Ausstellung soll dem Publikum einen Anstoß geben, das eigene Leben und die eigene Innenwelt zu reflektieren.

Für mich steht fest: Hyeins Ausstellung werde ich mir auf jeden Fall anschauen. Das Gespräch mit ihr hat mich nachhaltig inspiriert. Ihre Art, Verletzlichkeit als Stärke zu begreifen, hat mir gezeigt, wie viel Mut darin liegt, die eigenen Gefühle sichtbar zu machen.

Von Sheela-Maria Koblitz 

Kunstgeschichte B.A., seit 2024 im Team Kommunikation