Blick hinter die Kulissen

Ein Mittag mit Thomas Koch von der Staatsoper

24. Juli 2025

Über Kultur, Kunst und Stuttgart als unterschätzte Destination

Wer könnte besser geeignet sein, um einen Einblick in die Stuttgarter Kulturszene zu geben? Über zwei Jahrzehnte lang leitete er die Kommunikation der Staatsoper Stuttgart. Ein idealer Gesprächspartner also, um über Lieblingsorte, kulturelle Highlights und vielleicht auch den ein oder anderen Geheimtipp zu sprechen.

Wir treffen uns zum Mittagessen im Lib-Room, nur wenige Gehminuten vom Opernhaus und der Staatsgalerie entfernt. Es ist ein lockeres, offenes Gespräch. Ich muss gestehen, ich war anfangs etwas nervös – vielleicht, weil ich selbst Opernlaiin bin. Umso bereichernder war die Begegnung mit jemandem, der sich seit Jahrzehnten mit der Kunstform Musiktheater und ihrer Vermittlung an Zielgruppen beschäftigt.

»Stuttgart ist eine meiner Heimaten«

Ich frage, was die Stadt für ihn bedeutet. Thomas Koch antwortet ohne zu zögern:

Stuttgart ist eine meiner Heimaten, die Stadt, in der ich seit längstem lebe, in der ich Familie und Freunde habe und mit der ich schönste Erinnerungen verknüpfe. Allerdings empfinde ich sie auch als häufig missverstanden und nicht genügend wertgeschätzt, von innen wie von außen.

Eine Beobachtung, der ich nur zustimmen kann. Die Stuttgarter Staatstheater sind schließlich das größte Drei-Sparten-Haus Europas und damit ein echtes Kulturjuwel. Gemeinsam mit zahlreichen Museen, Konzerthäusern und unabhängigen Initiativen ist Stuttgart ein Ort kultureller Dichte. Besonders ist die räumliche Nähe der Staatstheater zur Staatsgalerie, eine Nachbarschaft, die als Sinnbild der Verbindung von performativer und bildender Kunst verstanden werden kann.

Thomas Kochs Verbindung zum Beuys-Raum der Staatsgalerie

Ein besonders prägendes Erlebnis verbindet Thomas Koch mit dem Beuys-Raum in der Staatsgalerie. Als Student erlebte er 1982 auf der documenta 7, wie Joseph Beuys flüssiges Gold, gewonnen aus einer Nachbildung der Zarenkrone Iwan des Schrecklichen, in eine hasenförmige Puddingform goss. Zwei Jahre später begegnete er dem »Friedenshasen« erneut, diesmal in der Staatsgalerie Stuttgart, im eigens von Beuys eingerichteten Raum. Mit dem Verkauf dieses Kunstwerks finanzierte der Künstler sein Projekt »7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung«.

Das Konzept der »Sozialen Plastik«, das gesellschaftliches Handeln als künstlerischen Akt begreift, hat Thomas Koch nachhaltig beeinflusst. Es inspirierte auch eine Aktion der Staatstheater 2015: Als vor dem Opernhaus gegen die Aufnahme sexueller Vielfalt in den baden-württembergischen Lehrplan demonstriert wurde, reagierten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit einer Regenbogenflagge vom Balkon – versehen mit dem Schriftzug »Vielfalt«. Eine Soziale Plastik im Geiste von Beuys.

Friedenshase

Kunstformen im Dialog

Die wechselseitige Inspiration von Kunstformen ist zentral. Besonders deutlich wird das für Thomas Koch im »Triadischen Ballett« von Oskar Schlemmer: 

Es fasziniert mich, weil hier die Verbindung von Bildender und Darstellender Kunst auf wunderbare und fast magische Weise erlebbar wird. Gleichzeitig konfrontiert das Werk den Betrachter mit den elementaren Fragen des Seins.

Auch das Stück »Shut Eye« aus dem dreiteiligen Ballettabend »Augen/Blicke«, der im März 2026 im Opernhaus Premiere feiert, ist von der Welt der Bildenden Kunst inspiriert. Das international gefeierte Choreografie-Duo Sol León und Paul Lightfoot setzt sich darin mit Licht und Schatten auseinander, inspiriert von Paul Gauguins surrealistischer Aussage: »Ich schließe meine Augen, um zu sehen.«

Überforderung als Einladung

Im Gespräch nähern wir uns der Oper als Kunstform, der ultimativen Verbindung von Künsten, denn sie vereint Musik, Gesang, Schauspiel, Bühnen- und Kostümbild. Für Thomas Koch ist die Oper eine sinnliche Überforderung, im besten Sinne: Musik, Bewegung, Sprache und Bildwelten treffen gleichzeitig auf das Publikum. Diese Beschreibung gefällt mir sehr, denn sie nimmt vielen Menschen die Hürde vor der vermeintlich „schwierigen« Hochkultur. Wer die Oper als sinnliches Erlebnis begreift, kann sich einfach mitreißen lassen und sehen, wohin die künstlerische Wucht einen trägt.

Darüber hinaus gibt es verschiedene Formate, die einem zahlreiche Zugänge u.a. partizipative zur Oper bieten. Auch die Spielstätte NORD mit der Jungen Oper bietet spannende Mitmachformate. Besonders »Night Songs Deluxe« ist ein Beispiel dafür, wie gemeinsames Singen neue Zugänge zum Musiktheater schaffen kann.

Als besondere Empfehlung für die nächste Spielzeit, nennt er die Oper »Station Paradiso«.Die Uraufführung findet am 10. Mai 2026 an der Staatsoper statt. Eine Mixtape-Oper von Sara Glojnarić entlang der ehemaligen Europastraße 5.

Was gibt es noch zu entdecken?

Und was zeigt er Gästen, die Stuttgart zum ersten Mal besuchen?

Die »Grand Tour« durch das Kulturquartier rund ums Zentrum ist für ihn gesetzt.

Die Staatsgalerie ist immer dabei. Mir gefällt auch der öffentliche Fußweg zwischen Konrad-Adenauer-Straße und Urbanstraße, den James Stirling durch bzw. über das Gebäude der Neuen Staatsgalerie angelegt hat. Von den Staatstheatern kommend führt der Weg direkt zum Neubau der John Cranko Ballettschule am Urbansplatz.

Ein Abstecher in die Urbanstraße lohnt sich auch wegen der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, dort finden abends oft Konzerte und Aufführungen statt: 

Die sind meistens kostenlos und ein wahrer Kraftquell an künstlerischer Energie, die von den aufführenden Studierenden freigesetzt wird.

Sein persönlicher Rückzugsort ist dagegen etwas abseits der großen Bühnen:
»Eine Oase der Ruhe inmitten urbaner Eiligkeit«, nennt Thomas Koch den Pragfriedhof. Zwischen gepflegter Parklandschaft, eindrucksvollen Skulpturen und Jugendstilarchitektur finden sich hier die Grabstätten von Persönlichkeiten wie Eduard Mörike und Graf Zeppelin, ein stiller Ort voller Stadtgeschichte.

Kulinarische Tipps: Maultaschen, Innenhöfe und Künstlerbegegnungen

Natürlich sprechen wir auch über Essen. Thomas Koch empfiehlt das Weltcafé im Alten Waisenhaus am Charlottenplatz, besonders wegen des ruhigen Innenhofs, der sich trotz der zentralen Lage wie eine kleine Stätte der Ruhe anfühlt.

Wer es klassisch schwäbisch mag, sollte das Gasthaus Zum Becher direkt neben der Staatsgalerie besuchen. Dort gibt es sein kulinarisches Highlight: Kunstvoll gefaltete oder gerollte Maultaschen mit schwäbischem Kartoffelsalat, für ihn untrennbar mit Stuttgart verbunden.

Und dann wäre da noch ein echter Insider-Tipp: die Theaterkantine. Hier kann man nicht nur gut und günstig essen, sondern auch mit etwas Glück auf Künstlerinnen und Künstler aus Oper, Ballett und Theater treffen, ein ganz unmittelbarer Zugang zur Welt hinter den Kulissen.

Ein Mittag mit Thomas Koch zeigt: Die Kultur in Stuttgart ist ein lebendiges Geflecht aus Kunst, Haltung und Begegnung. Wer Stuttgart mit den Augen von Thomas Koch sieht, entdeckt eine Stadt, die viel mehr kann, als sie oft selbst von sich glaubt.

Von Sheela-Maria Koblitz 

Kunstgeschichte B.A., seit 2024 im Team Kommunikation