Blick hinter die Kulissen

Exklusive Einblicke in die Welt einer jungen Kuratorin

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Kuratorin auf der Skulpturentrasse.
Kuratorin Karin Eisenkrein

30. Mai 2025

Die Staatsgalerie Stuttgart ist nicht nur ein Ort für große Meisterwerke, sondern auch für Menschen, die mit Leidenschaft und Hingabe im Hintergrund wirken. Karin Eisenkrein ist eine von ihnen – eine junge Wissenschaftlerin, die zwischen kuratorischer Praxis, Kunstvermittlung und akademischer Forschung ihren eigenen Weg gefunden hat und diesen mit bemerkenswerter Klarheit und Überzeugung geht. 

Bereits während ihres Praktikums im Pariser Louvre wurde ihr etwas Entscheidendes bewusst:

Als die anfängliche Ehrfurcht vor dem wohl international bekanntesten Museum nachließ, ich die Menschen hinter den Kulissen kennenlernte und spürte, dass dort alle das gleiche Ziel verfolgen, wusste ich – das Museum ist mein Ort.

Vom Einstieg in die Praxis zur eigenen Ausstellung

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Blick auf den Innenhof
Die Rotunde: Der Innenhof der Staatsgalerie

Wir treffen uns in ihrem Büro. Während ich einen kurzen Moment warte, fällt mein Blick auf den sonnenbeschienenen Innenhof der Staatsgalerie, wo sich bereits die ersten Besucherinnen und Besucher tummeln. Dann öffnet sich die Tür: Karin kommt herein, um mir Einblicke in ihre Arbeit zu geben. Eben noch war sie in einem Meeting zur nächsten Ausstellung, die sie verantwortet und hat mit dem Künstler die letzten technischen Details besprochen. 

Karin hat nach ihrem zweijährigen Volontariat am Haus angefangen, in Teilzeit als Referentin für den Vorstand der Staatsgalerie zu arbeiten, parallel promoviert sie im Fach Kunstgeschichte und kuratiert die Ausstellung »Überfluss. Klingendes Papier von Clemens Schneider«. 

Im Gespräch wird schnell deutlich, dass ihre Entscheidung, sich für ein Volontariat an der Staatsgalerie zu bewerben, alles andere als zufällig war:

Mich hat die Vielfalt der Sammlung fasziniert. Die Staatsgalerie ist ein Haus mit internationalem Renommee, aber zugleich fest in der Region verankert – das ist eine besondere Mischung. Und das Ausbildungskonzept hier ist außergewöhnlich gut. Für mich war das der perfekte Ort, um den Sprung von der Theorie in die Praxis zu schaffen.

In ihre kuratorische Arbeit lässt Karin auch die Auseinandersetzung mit der Rezeption von Kunst einfließen. Das Thema Rezeptionsgeschichte, also die Untersuchung, wie Werke von verschiedenen Generationen und in unterschiedlichen kulturellen Kontexten wahrgenommen und interpretiert werden, hat sie schon während ihres Studiums begleitet. Doch Karin setzt sich nicht nur theoretisch damit auseinander, sondern trägt aktiv als Kuratorin dazu bei, Kunst und Geschichte für die Besuchenden der Staatsgalerie erlebbar zu machen. 

Ein Werk, das alle Sinne anspricht

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Personen vor Kunstwerk
Ausstellungsansicht von Clemens Schneider, Überfluss, 2020, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, erworben 2023 mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg für zeitgenössische Kunst, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Im Mittelpunkt ihres aktuellen Ausstellungsprojekts »Überfluss. Klingendes Papier von Clemens Schneider« steht ein einzelnes Werk, das sich mit den Themen Konsum, Nachhaltigkeit und Recycling auseinandersetzt und dabei auf eine alte Handwerkstechnik zurückgreift. Mithilfe eines eigens entwickelten Verfahrens und mit selbst gebauten Geräten aus Recyclingmaterial, stellt der Künstler sogenanntes Hadernpapier her. Dafür sammelt er gebrauchte Jeans und T-Shirts in seinem Freundeskreis und verarbeitet die Altkleider zu einer Papiermasse.

Diese multisensorische Installation lädt die Besucherinnen und Besucher ein, Kunst nicht nur visuell, sondern auch akustisch und physisch zu erfahren. Mit einer beeindruckenden Größe von 3 x 51 Metern wird die Arbeit in Wellen durch das gesamte Graphik-Kabinett gehängt. Die Besuchenden können hindurchgehen und werden von der Arbeit regelrecht umhüllt – ebenso wie vom meditativen Klang, der aus Lärm einer Baustelle generiert wurde und das Werk atmosphärisch ergänzt.

Was mich besonders beeindruckt, ist, dass Clemens Schneider hier textilen Müll und Lärm einer Baustelle in Kunst verwandelt. Er zeigt, dass Recycling nicht nur eine moralische Notwendigkeit, sondern auch ein kreativer Prozess sein kann

Ich bin beeindruckt von Karins Gespür, Werke auszuwählen und so zu inszenieren, dass Kunstgeschichte in Bezug zu aktuellen Fragestellungen gesetzt wird und die Ausstellung gesellschaftliche Relevanz gewinnt.

Die Herausforderungen zeitgenössischer Kunst

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Personen vor Kunstwerk
Clemens Schneider und Karin Eisenkrein

Eine Installation wie »Überfluss« bringt nicht nur künstlerische, sondern auch logistische Herausforderungen mit sich und erfordert eine enge Zusammenarbeit mit den verschiedenen Abteilungen der Staatsgalerie. So mussten Restaurierung und die Teams der Ausstellungskoordination bereits im Vorfeld technische Lösungen entwickeln, um die empfindliche Papierarbeit über Monate hinweg sicher und begehbar zu präsentieren und das in einem Raum, der begrenzte Maße vorgibt.

Man muss kompromissbereit sein, wenn man mit einem zeitgenössischen Künstler zusammenarbeitet. Die Ideen des Künstlers müssen berücksichtigt werden, aber gleichzeitig müssen die kuratorischen Zielsetzungen und Interessen der Staatsgalerie sowie das Besuchererlebnis im Fokus behalten werden.

Für sie gehören Kreativität, Ausdauer und Teamfähigkeit zu den wichtigsten Eigenschaften einer Kuratorin: Eine Ausstellung ästhetisch und kunsthistorisch stimmig zu gestalten, gleichzeitig flexibel auf Herausforderungen zu reagieren und mit dem Team lösungsorientiert zusammenzuarbeiten. Ausstellungen brauchen – je nach Umfang – Monate oder sogar Jahre in der Vorbereitung. Karins Ausdauer und ihre Fähigkeit, ästhetische Szenografie, kunsthistorische Bezüge und gesellschaftliche Themen miteinander zu verbinden, zeigen, was kuratorische Arbeit leisten kann.

Die Sprache der Kunst

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Ausstellungsansicht Grafik-Kabinett
Ausstellungsansicht von Clemens Schneider, Überfluss, 2020, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, erworben 2023 mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg für zeitgenössische Kunst, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Was bleibt nach einem Gespräch mit Karin Eisenkrein? Begeisterung, Klarheit und die Überzeugung, dass Kunst viel bewirken kann. 

Ich habe gelernt: Kunst braucht Raum – nicht nur im Museum, sondern auch im Kopf. Es geht darum, sie wirken zu lassen, bevor man sie erklärt. Und genau darin liegt ihre Kraft

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Ausschnitt Kunstwerk
Detailansicht von Clemens Schneider, Überfluss, 2020, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, erworben 2023 mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg für zeitgenössische Kunst, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025
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Ausschnitt Kunstwerk
Detailansicht  von Clemens Schneider, Überfluss, 2020, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, erworben 2023 mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg für zeitgenössische Kunst, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Von Sheela-Maria Koblitz 

Kunstgeschichte B.A., seit 2024 im Team Kommunikation