Blick hinter die Kulissen

Ein Besuch in der Bibliothek bei Katja Ellenschläger

25. August 2025

Heute treffe ich mich mit Katja, sie ist Leiterin der Bibliothek und des digitalen Bildarchivs. Dafür muss ich nur zwei Stockwerke nach unten und stehe schon in der lichtdurchfluteten Bibliothek der Staatsgalerie, die zur Urbanstraße hin ausgerichtet ist. Wer die Staatsgalerie besucht, denkt meist zuerst an die Sammlungsräume, an Gemälde, Skulpturen und wechselnde Ausstellungen. Nur wenige wissen, dass sich ein Schatz für Kunstliebhaberinnen und Kunstliebhaber im Gebäude an der Urbanstraße verbirgt: die Bibliothek der Staatsgalerie Stuttgart.

Hier warten über 130.000 Medien darauf, entdeckt zu werden: von Monografien über Werkverzeichnisse bis zu internationalen Ausstellungskatalogen und aktuellen Kunstzeitschriften. Der Bestand deckt alle Epochen ab, vom Mittelalter bis zur Gegenwart, und ist so vielseitig wie die Kunst in den Ausstellungsräumen selbst.

Zwischen Bücherstapeln und Masterarbeit

Jedes Regal, jede Abteilung, Katja weiß genau, wo was zu finden ist. Schon als Werkstudentin begann sie vor drei Jahren in der Bibliothek im Projekt »Retrokatalogisierung«, der aufwendigen Aufgabe, alle Publikationen vor 1998 in den digitalen Katalog der Staatsgalerie aufzunehmen.

Studiert hat sie Kunstgeschichte mit dem Schwerpunkt Moderne. Während ihrer Masterarbeit zum Thema »Sexualität und Männlichkeit im Werk von Andy Warhol« nutzte sie zahlreiche Publikationen aus der Bibliothek. Sie erzählt: 

Hätte ich vor meiner Zeit als Werkstudentin von der Existenz dieser Bibliothek gewusst, hätte ich mir wohl einige Fernleihen und Käufe während des Studiums sparen können, der Bestand ist hervorragend!

Ihr Master-Thema ist immer noch hochaktuell und vielschichtig, sie erklärt: »Oft wird bei Warhol nur die Konsumkritik der Pop Art diskutiert. Andere Aspekte wie Velvet Rage, seine Homosexualität, Bodyimage oder Identitätsfragen geraten leicht in den Hintergrund. Dabei sind das Themen, die unsere Gesellschaft heute mehr denn je beschäftigen.« Passend dazu widmet sich auch unsere aktuelle Ausstellung »This is Tomorrow« einigen der genannten Aspekte und zeigt auch den ein oder anderen Warhol. 

Mehr als ein Ort für Bücher

Die Bibliothek ist jedoch nicht nur für Studierende interessant. 

Wir sind natürlich stolz auf Projekte mit Partnern wie Universitäten, wie den bald erscheinenden Mediaguide für die Sammlung, für den Literaturstudierende eine Woche lang in der Bibliothek recherchierten.

Ebenso kommen Antiquarinnen und Antiquare sowie Personen der Kunstwissenschaften aus dem In- und Ausland, um zu bestimmten Werken zu forschen. Die Kunstvermittlerinnen und Kunstvermittler nutzen die Bibliothek regelmäßig zur Vorbereitung ihrer Führungen. Besonders in Erinnerung geblieben ist Katja jedoch ein Moment: 

Eine Mutter kam, um stolz den Beitrag ihrer Tochter in einem Ausstellungskatalog zu lesen.

Spezialbibliothek mit Charakter

Eine Museumsbibliothek unterscheidet sich deutlich von einer Stadtbibliothek. Hier ist der Bestand ausschließlich auf Kunst und im Fall der Staatsgalerie auch auf Fotografie spezialisiert, ergänzt durch wenige Werke zu Musik oder Literatur. Besonders eng ist die Verbindung zur Sammlung: Kuratorinnen und Kuratoren tragen gezielt Literatur zu den jeweiligen Schwerpunkten bei.

»Zu jedem ausgestellten Künstler haben wir mindestens eine Publikation«, erklärt Katja. Wer also nach dem Ausstellungsbesuch mehr über eine Epoche, Kunstschaffende oder ein Werk erfahren möchte, das einen berührt hat, kann zwischen 10 und 15 Uhr vorbeikommen. Eine vorherige Anmeldung per E-Mail oder Telefon ist erforderlich. Besuchende werden persönlich an der Infotheke oder in der Urbanstraße 35 abgeholt, in die Bibliothek begleitet, wo die gewünschten Publikationen schon bereitliegen. Der perfekte Moment, um nach dem ein oder anderen Buchtipp zu fragen.


T +49 711 470 40-269
bibliothek@staatsgalerie.bwl.de

Verborgene Raritäten

Auf die Frage nach einem besonderen Schatz im Bestand muss Katja nicht lange überlegen: »De ou par Marcel Duchamp ou Rrose Sélavy« eine grüne Kassette mit Fotografien, Farbreproduktionen von Duchamps Bildern, Nachbildungen von drei Glasobjekten auf Transparentfolie und von Miniaturmodellen seiner Readymades. Ein tragbares Museum, wie es der Künstler erdachte. Die Erstausgabe erschien 1941, in der Bibliothek liegt die aufwendig gestaltete Edition von 2015. Neben solchen Raritäten zeigt mir Katja auch die schönsten Ausstellungskataloge und Publikationen, die fast schon selbst Kunstwerke sind.

Als ich frage, wie sie die Bibliothek beschreiben würde, lächelt Katja: 

Vielseitig, umfangreich und schön. Schön, weil nicht nur die Bücher inspirieren, sondern auch die Räumlichkeiten selbst.

Von Regalen voller bunter und vergoldeter Buchrücken über die verglasten Fassaden bis zu postmodernen Architekturelementen des Stirling-Baus, ein Besuch lohnt sich in jedem Fall.

Persönliche Lieblingsorte

Wer könnte bessere Tipps für die schönsten Leseorte in Stuttgart geben als jemand, der tagtäglich von Büchern umgeben ist? Katja muss nicht lange überlegen. 

Die Skulpturen-Terrasse der Staatsgalerie mag ich sehr«, sagt sie. »Und auch das Teehaus ist ein wunderbarer Ort, um sich mit einer Decke auf die Wiese zu setzen und im Sommer bei einem kühlen Getränk zu lesen.

Ob Studierende, Wissenschaftlerinnen, Sammler, Leseratten oder einfach Neugierige – Katja freut sich über alle externen Besucherinnen, denen sie die Besonderheiten ihres Arbeitsplatzes näherbringen kann.

Von Sheela-Maria Koblitz 

Kunstgeschichte B.A., seit 2024 im Team Kommunikation