Blick hinter die Kulissen
Ein Tag mit Kunsthistorikerin Barbara Honecker


15. März 2025
Alle Besuchenden erleben die Staatsgalerie auf ihre Weise – doch wer könnte sie lebendiger werden lassen als unsere erfahrenen Guides? Heute begleite ich Barbara Honecker, eine Kunsthistorikerin mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Kunstvermittlung. Ihr Alltag ist geprägt von Begegnungen, Aha-Momenten und einer guten Prise Humor.
Der erste Eindruck zählt
Ich warte mit der Gruppe im Foyer auf Barbara Honecker. Es wird gelacht, die Stimmung ist lebhaft und erwartungsvoll. Nach einer kurzen Begrüßung führt Barbara uns in die Ausstellung »Carpaccio, Bellini und die Frührenaissance in Venedig«.
»Das erste Kennenlernen ist entscheidend«, erklärt sie. Innerhalb der ersten fünf Minuten müsse sie die Gruppe einschätzen – ihre Interessen, ihr Vorwissen und die beste Art, sie abzuholen. Denn jede Gruppe kommt mit unterschiedlichen Hintergründen und Erwartungen in die Staatsgalerie.
Eine kulturinteressierte Reisegruppe aus Bonn, wie heute, führt sie mit fundierten Einblicken und spannenden Details durch die Ausstellung.
Die Kunst der Führung
Die Ausstellung widmet sich Meistern der venezianischen Frührenaissance. Barbara gibt eine kurze Einführung: Was erwartet die Gruppe in den kommenden 90 Minuten? Welche Schwerpunkte setzt sie? Sie betont, dass das Thema so facettenreich ist, dass der Kopf am Ende rauchen könnte – eine charmante Art, die Besuchenden zu entspannen.
Schon nach wenigen Minuten zeigt sich, was eine gute Führung ausmacht: fundiertes Wissen, eine klare Struktur und die Fähigkeit, Fakten lebendig zu vermitteln. Barbara verbindet kunsthistorische Werkbetrachtung mit spannenden Anekdoten. Immer wieder stellt sie Fragen an die Gruppe, motiviert zum Mitdenken und bezieht die Besucherinnen und Besucher aktiv ein.
Wenn Kunst begeistert
Während der Führung sind aus der Gruppe regelmäßig zustimmende »Mhmms« und überraschte »Ahs« zu hören. Die Gruppe lacht herzlich, als Barbara auf das durchdringende Rufen eines kleinen Kindes mit einem schlagfertigen »Ich habe einen Konkurrenten« reagiert. Es ist genau diese Mischung aus Wissen, Humor und Interaktion, die ihre Führungen so besonders macht.
Ein weiteres Talent von Barbara: Sie lenkt die Aufmerksamkeit und den Blick behutsam auf die wesentlichen Aspekte. Statt vorschnell ihr Publikum zu korrigieren, gibt sie Denkanstöße, die das eigene Kunstverständnis vertiefen.
Nach eineinhalb Stunden endet die Führung. Applaus, ein herzliches »Danke!« und viele zufriedene Gesichter.
Ein Kaffee und ein Blick hinter die Kulissen

Nach der Führung setzen wir uns in das Café Stirlings im Foyer der Staatsgalerie. Hier erzählt Barbara mehr über ihren Beruf, ihre Leidenschaft für Kunst und die Herausforderungen ihres Alltags.
»Jeder Tag ist anders«, sagt sie und nippt an ihrem Kaffee. Gerade diese Vielfalt macht für Barbara den Reiz ihrer Arbeit aus – jeden Tag begegnet sie neuen Menschen, keine Führung gleicht der anderen. »Ich sage nichts ohne meinen Terminkalender«, scherzt sie, denn ihre Tage sind so abwechslungsreich, dass eine gute Planung unerlässlich ist.
Barbara hat Kunstgeschichte, Archäologie, Romanistik und Ungarisch studiert – ein breit gefächertes Studium, das ihre Vielseitigkeit und Neugier widerspiegelt. Seit 32 Jahren arbeitet sie in der Kunstvermittlung, davon setzt sie seit bereits 25 Jahren Führungen im Auftrag der Staatsgalerie um. Ihre Begeisterung für neue Themen bleibt ungebrochen: Ob Renaissance-Meisterwerke oder zeitgenössische Kunst, wie die kommende Ausstellung »Katharina Grosse. The Sprayed Dear«, sie taucht stets mit Leidenschaft in jede Epoche ein.
Die Vorbereitung
Eine gute Führung beginnt lange vor den ersten Begegnungen mit Besuchenden. Die Vorbereitung auf eine neue Ausstellung dauert oft mehrere Wochen. Neben dem offiziellen Ausstellungskatalog liest Barbara fünf bis acht zusätzliche Bücher. Auch der exakte Raumplan wird analysiert, alternative Laufwege werden notiert – schließlich kann ein Werk spontan durch eine andere Gruppe blockiert sein.
Drei Faktoren sind für eine gelungene Führung entscheidend, erklärt sie: Erstens eine gut konzipierte Ausstellung, die erzählerische Zusammenhänge bietet. Zweitens eine exzellente Vorbereitung, um flexibel agieren zu können. Und drittens die richtige Gruppendynamik. »Jeder Guide hat hier seine eigene Strategie – ich setze gerne auf Humor.«
Ein prägender Moment
Besonders bewegt hat sie eine Führung, die über 20 Jahre zurückliegt. Damals begleitete sie eine vierte Schulklasse. Die Lehrerin wies sie im Vorfeld auf einen Jungen hin, der sich im Unterricht sonst wenig einbrachte. Doch während der Führung überraschte gerade er mit klugen Beobachtungen zu den Kunstwerken von Chagall.
Solche Erlebnisse zeigen, was Kunstvermittlung auslösen und bewirken kann. Es geht nicht nur um das Vermitteln von Wissen, sondern auch darum, neue Perspektiven zu eröffnen und wie in diesem Fall positive Veränderung herbeizuführen.
Fazit: Mehr als nur eine Führung
Nach diesem Tag wird eines klar: Eine Führung ist weit mehr als das bloße Wiedergeben von Fakten – sie ist eine Kunst für sich. Barbara Honecker beherrscht diese Kunst meisterhaft, mit Fachwissen, Humor und der Fähigkeit, Kunst lebendig werden zu lassen. Wer einmal eine Führung mit ihr erlebt hat, sieht die Staatsgalerie mit anderen Augen und kehrt immer wieder zurück. Das zeigt sich in der herzlichen Begrüßung durch eine Gruppe, die Barbara im Foyer entdeckt und regelmäßig ihre öffentlichen Führungen besucht.
Von Sheela-Maria Koblitz
Kunstgeschichte B.A., seit 2024 im Team Kommunikation
