»Museum Matters«

Ist das Museum ein kollektiver Speicher von Wissen oder Plattform für Experimente? White Cube oder Werkstatt? Architekturikone oder interaktiver Ort der Kommunikation?

Lange schon gibt es verschiedene Vorstellungen, Theorien und Utopien über das Museum. Immer wieder hat sich diese Institution in ihrer Geschichte geändert. Nicht zuletzt Künstler setzen sich stetig mit diesem öffentlichen Ort von Bildern und Bilderfahrungen auseinander, der zwischen Gegensätzen wie Geschichte und Zukunft, Konjunktur und Krise pendelt. Einerseits waren Museen traditionell Ausbildungsinstrumente und mitunter Ateliers für sie. Andererseits haben Künstler in ihrer Kunst wie in ihren Manifesten Museen beharrlich attackiert, ihre scheinbare Neutralität und Objektivität kritisch thematisiert und ihre Gesten des Zeigens etwa aus feministischer, antirassistischer und antikolonialer Perspektive hinterfragt.

Unter dem Titel »Museum Matters« konzentriert sich die aktuelle Reihe der Videobox auf Arbeiten von jüngeren und etablierten Künstlern und Filmemachern, die das Museum zu ihrem Gegenstand machen. Dokumentarisch, experimentell, essayistisch oder narrativ nehmen sie Museen, ihre Ansätze, Präsentationen und Formen der Vermittlung in den Blick, um Bedingungen von Sammlungen sichtbar zu machen und alternative Archive herauszufordern.

Hier gibt es das gesamte  Programm der Videobox 2017 zum Download.

Programm »Museum Matters«

Die Reihe »Museum Matters« wird ermöglicht durch:

Programm Videobox »Museum Matters«

5.9. bis 29.10.2017
Jem Cohen
»Museum Hours«

Für Johann ist das Kunsthistorische Museum Wien seine Arbeitsstätte. Für Anne ist es ein Zufluchtsort. Dort begegnen sich der Museumswärter und die Besucherin aus Montreal. Sie ist wegen ihrer Cousine in Wien, die im Koma liegt. Ohne Geld und Stadtkenntnis sucht Anne Ausgleich im Museum, lässt sich durch die Säle mit Werken von Bruegel und Cranach treiben, taucht ein in Geschichten von Kreuzigung, Sündenfall und nackten Frauen in sakraler Gestalt. Zaghaft beginnen die beiden ein Gespräch, lernen sich kennen, erkunden bald gemeinsam die Kunst und dann auch Unbekanntes in ihren eigenen Leben und in Wien.

Doch ist diese Handlung nur loser Vorwand für Jem Cohens Nicht-Liebesfilm »Museum Hours«, in dem das Museum Dreh- und Angelpunkt ist. Von hier aus flanieren die Protagonisten in die Stadt – auf den Naschmarkt oder in Lokale, in die man nur als Wiener Zutritt findet – und kehren immer wieder ins Museum zurück. Ganze zehn berückende Minuten etwa verharrt der Film bei einer Museumsführung. Für Cohen ist die Kunst weniger Mittler als Prisma für Johanns und Annes Themen wie Tod, Sex, Geschichte, Theologie und Materialismus und wie diese in ihren Leben greifbar werden. Dabei faszinieren Cohen insbesondere Bruegels Welt-Landschaften, die seinen eigenen dokumentarisch erscheinenden Straßenaufnahmen nahe sind.

Im stetig vorantreibenden Fluss ruhiger Szenen vermischen sich – in für Cohen typischer Arbeitsweise – Fiktion, Dokumentation und Essay. Immer wieder fließt Wirklichkeit in seinen Film ein, etwa in Form übernommener Umstände aus den Arbeitsbiografien seiner Laienhauptdarsteller. Ebenso inszeniert der Zufall mit. Die Wände des Museums, die es von der Straße und dem Leben draußen trennen, sind dick. Cohen aber gelingt es mit »Museum Hours«, sie poröser zu machen.


Aufgrund seiner Lauflänge zeigen wir »Museum Hours« jeweils täglich während unserer Öffnungszeiten mit folgenden festen Anfangszeiten: 10.10 Uhr, 12.10 Uhr, 14.10 Uhr, 16.10 Uhr und donnerstags auch 18.10 Uhr. 

Biografie

1962         geboren in Kabul, Afghanistan, lebt in New York.

Seine Filme laufen auf internationalen Festivals, sind in Sammlungen des Museum of Modern Art, New York, und Whitney Museum of American Art, New York, vertreten und werden von der BBC, PBS, ZDF/Arte sowie dem Sundance Channel ausgestrahlt.

Retrospektiven

Whitechapel Gallery, Barbican, Hackney Picturehouse, London; NFT London; Buenos Aires Independent Film Festival (BAFICI); Gijon Film Festival; Internationale Kurzfilmtage Oberhausen.

Filme (Auswahl)

Counting (2015); Gravity Hill Newsreels (2011/2012); Crossing Paths With Luce Vigo (2010); Night Scene New York (2009); NYC Weights and Measures (2005); Chain (2004); Chain V Three (2002); Little Flags (2000); Amber City (1999); Blood Orange Sky (1999); Lost Book Found (1997); Nightswimming (1994); Just Hold Still (1989), Witness (1986); A Road in Florida (1984); Buried in Light (1993).

JEM COHEN »Museum Hours«, 2012, HD-Video, Farbe, Ton
JEM COHEN »Museum Hours«, 2012, HD-Video, Farbe, Ton
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