Von nur mittlerem Umfang, zeigt die Niederländische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart rund 70 Gemälde aus annähernd drei Jahrhunderten. Einige der wichtigsten Werke stammen bereits aus historischem Besitz. Dieser alte Bestand wurde durch Stiftungen, vor allem aber durch Eigenerwerbungen des Museums erweitert und qualifiziert. Einen Sammlungsschwerpunkt bildet das Gebiet der Landschaftsmalerei, deren Entwicklung sich vom 1. Viertel des 16. Jahrhunderts bis zum Ausklang des 17. Jahrhunderts anhand von exemplarischen Werken verfolgen lässt.
Aus historischem Besitz stammen z. B. Hans Memlings Gemälde »Bathseba im Bade«, das durch den Ankauf der Sammlung des preußischen Gesandten in Wien, Graf Gustav Adolf von Gotter, 1736 nach Stuttgart gelangte, sowie Jan van Amstels Bild »Einzug Christi in Jerusalem«, das zu dem 1748 vom Burggrafen Reinhard von Roeder erworbenen Ensemble der sogenannten »Wiener Malereien« gehörte. Auch im 19. Jahrhundert kamen einige bedeutende Werke ins Haus, allen voran Rembrandts »Paulus im Gefängnis«, der - wie übrigens auch Wybrand Simonsz. de Geests d. Ä. »Familienbildnis« - aus der Auktion des Gräflich Schönbornschen Kunstbesitzes in Schloss Pommersfelden im Jahre 1867 stammt. Gemälde von Jan van Kessel und Allaert van Everdingen (erworben 1840 bzw. 1845) sowie von Joos de Momper und Anton Mirou, die Prof. H. Rustige in den 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts der Galerie zum Geschenk machte, setzten im Bereich der niederländischen Landschaftsmalerei erste Akzente. Die »Madonna mit Kind« vom Meister der Khanenko-Anbetung und die »Kreuzabnahme Christi« von Colyn de Coter gehören zur kleinen Gruppe der 1865 aus der Sammlung des Tübinger Theologieprofessors und späteren Freiburger Domdekans Johann Baptist von Hirscher angekauften Werke.
Seit den 1950er-Jahren konnten der Sammlung Gemälde von Albert Bouts, Peter Paul Rubens, Rembrandt, Frans Hals, Jan Davidsz. de Heem, Jan Steen, Emanuel de Witte und anderen zugeführt werden.
Joos de Momper übernimmt in seiner »Felslandschaft« noch weitgehend die Konzeption der traditionellen Überschaulandschaft mit ihrer Vielzahl von bizarren Einzelmotiven. Dem Ideal eines neuen, aus der Nähe gesehenen Landschaftstypus sind Schüler und Nachfolger aus der so genannten »Frankenthaler Schule« wie Anton Mirou und Abraham Govaerts verpflichtet. In der Verformung und Übersteigerung einzelner Bildelemente zugunsten einer die Grenzen der Wahrnehmung überschreitenden Gesamtwirkung bedienten sich die Künstler der »fantastischen« Richtung, so z. B. Alexander Keirincx und Jacob Jacobsz. van Geel, eines gemeinsamen Stilmittels. Als Träger menschlicher Gehalte und Stimmungen weisen die Werke oft auf die barocke Landschaftskunst voraus, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts von Malern wie Jan van Goyen und Jacob Isaacsz. van Ruisdael, um nur zwei zu nennen, entwickelt wurde. Mit den heimatlichen Motiven rückten dann auch externe Landschaften in den Blickpunkt des Interesses. Wie schon in den vorausgegangenen 150 Jahren reisten im 17. Jahrhundert ebenfalls zahlreiche Künstler - in der Hoffnung auf stilistische und inhaltliche Anregungen - nach Italien.
Die aus dem Anfang seiner reifen Zeit stammende »Waldlandschaft mit Bach« zeigt bereits Ruisdaels unverkennbaren Landschaftsstil, in dem er die einzelnen Naturformen mit einem Höchstmaß an Präzision erfasste, diese jedoch einem übergeordneten strukturellen Gesamtkonzept unterwarf. Durch die Kompromisslosigkeit im Konstruktiven und durch die »Potenzierung« von Natur durch das Selektionsprinzip gewinnen seine Landschaften Monumentalität und Allgemeingültigkeit.
Entscheidenden Anteil an der Erneuerung der holländischen Landschaftsmalerei im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts hatten Jan van Goyen und Salomon van Ruysdael, von denen die Staatsgalerie jeweils zwei höchst charakteristische Gemälde besitzt. Für zahlreiche Künstlerkollegen, wie z. B. Claude de Jongh, wurde namentlich ihre »monochrome Phase« der 30er-Jahre vorbildlich, in der sie mittels einer auf Homogenität zielenden Tonmalerei ein Höchstmaß an einheitlicher Bildwirkung zu erzielen wussten.
Protagonist auf diesem Gebiet war Allaert van Everdingen, der das Thema der skandinavischen Gebirgslandschaft in die holländische Malerei einführte. Das weder signierte noch datierte Gemälde »Gebirgslandschaft mit Schloss« ist in vielerlei Hinsicht für seine Kunst signifikant, und dies umso mehr, als es die »naturnahe Unmittelbarkeit« seiner kleineren Landschaftsgemälde wahrt.
Mit seinen brasilianischen Motiven nimmt Frans Jansz. Post einen besonderen Platz innerhalb der holländischen Landschaftsmalerei ein. Verglichen mit dem singulären Stil der in Südamerika entstandenen Werke nähert sich der Künstler in seiner nachbrasilianischen Schaffenszeit, zu der auch die Stuttgarter »Ansicht der Gegend von Olinda« gehört, der konventionellen holländischen Landschaftsmalerei. Gleichwohl gelingt es Post, über narrative und deskriptive Elemente hinaus den Charakter und die atmosphärische Stimmung des südamerikanischen Landes zu vermitteln.
Während die Maler des 16. Jahrhunderts primär die Begegnung mit der klassischen Kunst von Antike und Renaissance suchten, galt das Interesse der jüngeren Italienfahrer wie Cornelis van Poelenburgh und Jacobus Sibrandi Mancadan vorrangig dem Volksleben und der Natur des Landes. Die Landschaft Italiens wurde ihr zentrales Bildthema, das sie auch nach Rückkehr in die Heimat nicht selten beibehielten. Die Beliebtheit ihrer Werke und die Vielzahl der Nachahmer täuscht indes nicht über die Tatsache hinweg, dass die Kunst der Italianisanten auf die Entwicklung der bodenständigen Landschaftsmalerei keinerlei entscheidenden Einfluss ausgeübt hat.
Nicht immer freilich zielte die italianisierende Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts auf arkadische Idealisierung und idyllische Gestimmtheit. Auch der unberührten, wilden Natur, die aufgrund ihres dramatisch intonierten Stimmungsgehalts unmittelbar an die Emotionen des Betrachters appelliert, wurde ein eigener ästhetischer Wert zuerkannt. Dieser »romantischen« Landschaftskonzeption sind auch die zur Richtung des »Rovinismo« gehörenden Künstler verpflichtet, in deren Werken Ruinen- und Grottenmotive zentrale Bedeutung gewannen.
Die Künstler forcierten den bizarr-düsteren Charakter der zerfallenen, von Pflanzen überwucherten Bauwerke und Grotten, die sie in den Dienst geheimnisumwitterter, suggestiver Inszenierungen stellten. Von höchst pittoresken Reizen, lassen ihre Darstellungen an heidnische Mysterienspiele oder Kulthandlungen verbotener Geheimsekten denken. Diese eigentümlichen, Albträumen gleichenden Visionen fanden in einer Zeit von Gegenreformation und Inquisition solchen Anklang, dass zahlreiche Italianisanten die Thematik auch an andere Künstler weitergaben, die - wie z. B. Rombout van Troyen - wohl niemals in Italien waren. [ EW ]
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