Kunst 1800–1900

Die Sammlung des 19. Jahrhunderts in der Staatsgalerie ist gleichermaßen durch ihre qualitätvollen regionalen Aspekte wie durch internationale Bezüge vor allem zur französischen und englischen Kunst charakterisiert. Die Entstehung der Sammlung aus fürstlichem Besitz des 18. Jahrhunderts, erweitert durch königliche Schenkungen im 19. Jahrhundert und gezielte Erwerbungen bis in die unmittelbare Gegenwart spiegelt sich im umfangreichen Gesamtbestand und in der selektiven Präsentation in den Galerieräumen.

Die Kunst des 19. Jahrhunderts ist ein gewaltiges Panorama von der Romantik bis zum Impressionismus. In keinem anderen Jahrhundert stehen epochale künstlerische Leistungen so dicht neben schillernden Moden. Kunst und Technik sind wie die Motoren der grundlegenden, weltumspannenden Veränderungen am Beginn der Moderne. Den Beginn markiert ab der Mitte des 18. Jahrhunderts der Abgesang der absolutistischen Mächte in Europa, die alten Monarchien zerfallen, ohne dass neue gesellschaftliche Systeme sich nahtlos anfügen. Die politische Krise spiegelt sich im Ende der Aufklärung, deren Grundgedanken bis weit in die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts wirken sollten. Die großen Umwälzungen, die in Frankreich ihren Ausgangspunkt haben, schlagen sich mit kaum merklicher Verzögerung in der deutschen Kunst nieder.

Die Kunst der Romantik, die den Kontrapunkt zum Klassizismus bildet, ist mit Solitären von hohem Rang vertreten. Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus und Carl Blechen repräsentieren jene norddeutschen Künstler, die einen anderen, gleichfalls in die Zukunft gerichteten Weg einschlugen. Von hohem Rang ist Caspar David Friedrichs »Böhmische Landschaft«, deren sorgfältig geplante und symbolbeladene Komposition aus zahlreichen Einzelstudien entstand. Romantik und Klassizismus sollten bis zum Beginn der Moderne die bestimmenden Kunstströmungen der deutschen Kunst werden.

Die Staatsgalerie, deren Wurzeln auf die Hohe Carlsschule, eine von Herzog Carl Eugen von Württemberg gegründete Militärakademie, zurückgehen, besitzt eine einzigartige Sammlung südwestdeutscher klassizistischer Kunst, deren herausragende Protagonisten der Bildhauer Johann Heinrich Dannecker und die Maler Gottlieb Schick und Philipp Friedrich Hetsch sind. Die Besonderheiten ihrer gleichermaßen europäischen wie regionalen Kunstauffassung sind in den Skulpturen, den Porträts und Historienbildern zu finden.

In den Bildnissen des Schwäbischen Klassizismus treten nicht selten Charme und Witz an die Stelle kühler repräsentativer Strenge, und die Historienmalerei ist bestimmt von einem typischen Protestantismus, der zuweilen doktrinäre Züge trägt. Dieses Spannungsfeld macht den besonderen Reiz des Schwäbischen Klassizismus aus, der in das 19. Jahrhundert nachwirkt und gleichermaßen in Bürgertum und Monarchie verbreitet ist. Einen gewichtigen Kontrapunkt bildet das mächtige Werk »Satan flieht, von Ithuriels Speer berührt« (1779) des schweizerisch-englischen Künstlers Johann Heinrich Füssli (Henry Fuseli), sein erstes monumentales Gemälde in London und die Keimzelle zu seinem größten künstlerischen Projekt, der Milton-Galerie zu Werken des bedeutenden englischen Barockdichters John Milton.

Johann Heinrich Danneckers bedeutendstes Werk ist die monumentale Büste des Dichters Friedrich Schiller, dessen »Hymne an die Freude« mit Beethovens 9. Sinfonie berühmt wurde. Diese posthum geschaffene Marmorskulptur, die Teil eines Schillerdenkmals sein sollte, ist charakteristisch für einen neuen Typus des Idealbildes im 19. Jahrhundert. Ganz anders sind daneben die zahlreichen spontanen Bildhauerskizzen in Ton, deren geplante Ausführung in ein größeres Format jedoch meist unterblieb. Eine Ausnahme bildet die »Ariadne auf dem Panther« (1803), ein Auftrag des einflussreichen Bankiers Bethmann in Frankfurt am Main. Die lebensgroße Marmorfassung (1812-14) gehörte zu den berühmtesten Skulpturen des vorigen Jahrhunderts. (Eine originalgetreue Replik steht in der Rotunde der Neuen Staatsgalerie.)

In vielen Werken sind sie deutlich spürbar, wenn auch häufig untrennbar vermischt. Ein markanter Künstler dieses, wohl typisch deutschen Idealismus ist Anselm Feuerbach. Die Staatsgalerie besitzt eines seiner Hauptwerke, die überlebensgroße »Iphigenie« (1871), das Idealbild einer tragischen Muse zwischen Melancholie und Hoffnung. In der Grundstimmung vergleichbar ist die »Villa am Meer« (1877) des Schweizer Malers Arnold Böcklin. Von dem einst berühmten Bildthema gibt es mehrere Versionen in unterschiedlichen atmosphärischen Stimmungen, von denen die Stuttgarter Fassung durch die fast bedrohliche Dunkelheit vor einem herannahenden Gewitter auffällt.

Historisch gesehen gehört diese Malerei zur so genannten Gründerzeit, den Jahrzehnten nach der Proklamation des deutschen Kaisers im Jahr 1871. Die Idee eines unter einem Monarchen geeinten Deutschlands hatte für die Kunst einschneidende Folgen. Für den kaiserlichen Staat entstand eine offizielle, an große Akademien gelehrte und ausgeübte Kunstrichtung, die getragen wurde von patriotischem Überschwang und nationalistischen Tendenzen. Parallel dazu und als Gegenströmung entwickelten sich so genannte Sezessionsbewegungen in Berlin und München.

Aus diesen Sezessionen kamen Künstler wie Max Slevogt, Lovis Corinth und Max Liebermann, die der deutschen Kunst eine neue, antiakademische Wendung zur Moderne gaben. Die Staatsgalerie besitzt eine Reihe von Hauptwerken dieser Künstler, allen voran »Der Weiße d'Andrade« (1902) von Max Slevogt: Das furiose, vom französischen Impressionismus beeinflusste Porträt zeigt den Sänger Francisco d'Andrade im Kostüm von Mozarts Don Giovanni im Augenblick seines größten Triumphes. Die ausdrucksstarken, furiosen Stillleben und kompromisslosen Porträts dieser Künstler markieren den Anfang der wohl bekanntesten Richtung deutscher Kunst im frühen 20. Jahrhundert, des Expressionismus.

Die internationalen Aspekte der Sammlung werden durch die französische Malerei akzentuiert. Eine Reihe von Bildern aus der Mitte des Jahrhunderts von dem Romantiker Eugène Delacroix und dem Naturalisten Gustave Courbet führt zu Camille Corot und der Schule von Barbizon, dem Ausgangspunkt des Impressionismus. Im Gegensatz zu den Werken deutscher Künstler vom Klassizismus bis zu den Sezessionen wurden viele impressionistische Bilder erst nach dem Zweiten Weltkrieg erworben. Eine Ausnahme bildet Claude Monets »Felder im Frühling« (1887), ein impressionistisches Meisterwerk, das sich seit 1906 im Museum befindet. Edouard Manet malte seinen Freund »Claude Monet in seinem Atelier« (1874) in dessen Boot auf der Seine, ein eindrucksvolles, wenn auch unvollendetes Frühwerk.

Gleichfalls dem frühen Impressionismus entstammen die Werke von Alfred Sisley, die mit kraftvoller Ruhe komponiert sind. Unter den Porträts von Pierre Auguste Renoir nimmt jenes von »Madame Victor Choquet« (1875) einen außerordentlichen Rang ein. Auch die französische Malerei vor der Jahrhundertwende hat in dem sonnendurchfluteten Bild »Der Gärtner« (1899) von Camille Pissarro, dem streng komponierten, kühlen »Hafen von Portrieux« (1888) von Paul Signac und in Edgar Degas' feinem Kolorismus des »Billardzimmers« (1892) markante Beispiele. Paul Cézannes »Badende vor einem Zelt« (um 1880), das Erste der bedeutenden Serie zu diesem Thema, wurde 1959 aus der Sammlung Moltzau erworben, die auch den Grundstock zum Bestand der Klassischen Moderne in der Staatsgalerie legte. Das Gemälde »Wohin gehst Du?« (1892) von Paul Gauguin entstand während seiner ersten Reise nach Tahiti und ist ein Schlüsselbild im Werk dieses Künstlers.

Eine Besonderheit der Sammlung ist der »Perseus-Zyklus« von Edward Burne-Jones, der zwischen 1877 und 1887 im Auftrag des späteren englischen Premierministers Arthur Balfour für das Empfangszimmer seiner Londoner Residenz entstand. Burne-Jones war zusammen mit William Morris einer der Hauptvertreter der Präraffaeliten, die sich eine grundlegende Erneuerung der Kunst zur Aufgabe machten. Obwohl der Zyklus konzeptionell abgeschlossen wurde, sind nicht alle Bilder auf Leinwand ausgeführt. Die so genannten Kartons, originalgroße, weitgehend farbig ausgeführte Vorstudien, geben einen Einblick in die Schaffensweise damaliger Künstler. [ CB ]

Heute im Museum
26.10.14

11:00 Uhr
Am Saum von Zeit und Raum - Frank Stella und Bridget Riley im Vergleich
Themenführung

15:00 Uhr
Königliche Sammellust. König Wilhelm I. von Württemberg als Sammler und Förderer der Künste
Ausstellungsführung

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Ausstellungseite Oskar Schlemmer Ab 20.5.2014 werden die Räume der »Italienischen Malerei« und Teile des »Schwäbischen Klassizismus« temporär wegen Baumaßnahmen geschlossen. Angebote für Kinder und Jugendliche Stuttgarter Galerieverein Vermietung Newsletter abonnieren Teilen

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