
um 1600, Schwarze Kreide, Spuren von Weißhöhung auf graublauem Papier, 27 x 20 cm, Prov.: Vermächtnis Richard Jung 1986, InvNr.: C 90/3979
Weiche, großzügige Kreidestriche umreißen ausschnitthaft die figürlichen und architektonischen Teile eines komplexen Dekorationssytems: Unter einer statischen Herme als Stützfigur der Architekturgliederung finden sich die nach links bewegte Halbfigur eines nackten sitzenden »ignudo«, rechts daneben Fragmente einer figürlichen, gerahmten Szene mit einer darüber angedeuteten Muschel in ovalem Feld.
Die Skizze gehört in den Entstehungsprozess der Deckenfresken Annibale Carraccis im Palazzo Farnese in Rom. Diese Malereien, die wie schon rund 90 Jahre zuvor die Sixtinische Decke Michelangelos und die Stanzen Raffaels die Künstler der nachfolgenden Generation entscheidend beeinflussten, wurden nicht nur zum Ausgangspunkt für die klassische Richtung des römischen Barock, sondern für zwei Jahrhunderte europäischer Barockmalerei überhaupt.
Die Hermenfigur ähnelt im ausgeführten Fresko am ehesten derjenigen links der Szene mit Herkules und Iole am Beginn des östlichen Teils der Darstellung. Die erste Idee (primo pensiero) der gerahmten figürlichen Szene könnte sich auf die Darstellung von Jupiter und Juno beziehen, mit welcher der Fries im westlichen Teil anhebt. Die spontane Entwicklung einer Komposition, im Geist des Künstlers entstanden und unmittelbar, noch ohne genauere Definition zu Papier gebracht – wobei etwa die Dispositionen von Herme und Jünglingsfigur darunter noch nicht geklärt, ja in diesem ersten Prozess auch nicht interessant sind-, spiegelt sich in der vehementen Linienführung wider: Der schnell aber dennoch bestimmt aufgesetzte Strich der weichen schwarzen Kreide, die harmonische Verteilung der einzelnen Elemente auf dem Blatt, fast nach Regeln des Goldenen Schnitts, sowie die zur näheren Charakterisierung aufgesetzten Lichter in weißer Kreide verleihen dem Blatt eine ungemein anziehende Wirkung, zu der nicht zuletzt der blaugraue Papierton beiträgt. [ CH ]
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