Marcantonio Raimondi (1475/80 - vor 1534), Agostino Veneziano (um 1490–um 1540)
»Der Hexenzug (Lo stregozzo)«

nach 1520, Kupferstich auf elfenbeinfarbenem Papier, Blatt: 31,4 x 65,2 cm; Platte: 30,9 x 64,2 cm,Inv.Nr. A 87/6303

Das Blatt, entstanden im Kreis der Kupferstecher um Raffael in Rom, gibt gleich mehrere Rätsel auf: So ist zum einen zunächst die Autorenschaft des Kupferstichs umstritten. Er trägt links von der Mitte unten das Täfelchen, mit dem Marcantonio Raimondi zu signieren pflegte, in späteren Auflagen findet sich darin jedoch das Monogramm des Agostino Veneziano, eines Schülers und späteren Mitarbeiters von Raimondi. Vermutlich hat Letzterer die Platte (die heute auf der Veste Coburg aufbewahrt wird) begonnen, Veneziano sie später vollendet oder überarbeitet und mit seinem Monogramm versehen.

Auch der Zeichner der Vorlage ist ungewiss: Vorgeschlagen wurden Raffael, Giulio Romano, Baldassare Peruzzi und Girolamo Genga sowie als Entwerfer und Kupferstecher auch Giorgio Ghisi, der im Kreis Giulio Romanos in Mantua tätig war; er jedoch arbeitete überwiegend als reiner Reproduktionsstecher, d.h. nach ausgeführten Fresken und Gemälden, nicht nach eigenen Entwürfen.

Ähnlich ungeklärt ist der eigentliche Inhalt des Blattes. Es zeigt in einer spukhaft nächtlichen Sumpflandschaft eine auf dem mächtigen Skelett einer Art Seeschlange reitende Hexe, die von athletischen Männern an einer Deichsel aus Knochen vorübergezogen wird. Fantastische Tierskelette, Ziegenböcke und seltsame Mischwesen begleiten den Zug, der Rauch und Flammen hinter sich lässt. Der Tross - mit seinen insgesamt sieben Protagonisten der magischen Zahl nach - donnert vehement vorbei, das Schilf biegt sich im Sturm, Vögel fliegen erschreckt auf, das lange Haar der Hexe, in dem ihre magische Kraft steckt, flattert im Wind und geht in Rauchwolken über, die aus dem Gefäß in ihren Armen aufsteigen. Vor sich hat sie geraubte Kinder, denen ein böses Schicksal gewiss ist, ein weiteres wird von einem der beiden Ziehenden geschleppt, zwei andere haben sich zwischen ihm und dem Ziegenbock im Dickicht versteckt.

Handelt es sich wirklich nur um einen fantastischen Hexenzug, oder um eine Allegorie - etwa einer Krankheit (des Sumpfes wegen der Malaria), eines Albtraums, der Vergänglichkeit oder gar um eine Darstellung des Aberglaubens am Vorabend der Gegenreformation? Sicher ist nur, dass die reitende Hexe auf den Kupferstich Albrecht Dürers zurückgeht, der sich seinerseits von der Invidia (Neid) in Andrea Mantegnas »Kampf der Meerwesen« inspirieren ließ. [ CH ]

Heute im Museum
23.09.14

12:45-13:15 Uhr
Bildbetrachtung
Kurzführung

15:00 Uhr
Königliche Sammellust. König Wilhelm I. von Württemberg als Sammler und Förderer der Künste
Ausstellungsführung

Bitte beachten Sie

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