Meister des Ecce homo (Hans Weiditz?)
»Christus als Schmerzensmann (Ecce Homo)«

um 1522, Clair-obscur-Holzschnitt, gedruckt von zwei Stöcken, auf Bütten, Blatt: 29,8 x 20 cm, Inv.Nr. A 17824

Durch eine Konzentration auf die bildfüllende Gestalt Christi erhält die Darstellung seines Elends eine bedrängende Aktualität: Entkleidet, erschöpft und verlassen sitzt der Sohn Gottes gesenkten Hauptes auf dem Kreuz. Dornenkrone und Rohrzepter dienen als Zeichen seiner Verspottung. Am rechten Bildrand erscheinen die Worte ECCE HOMO (»Seht, welch ein Mensch!«), mit denen Pilatus nach Johannes 19,5 das Volk zum Erbarmen mit dem vorgeführten »König der Juden« aufrief.

Seiner Rolle als »Schmerzensmann« entsprechend, ist Christus hier jedoch nicht in einer bestimmten Situation des Kreuzweges wiedergegeben: So erkennt man an Händen und Füßen bereits die Nägelmale; der linke Arm weist auf die blutende Seitenwunde, die Jesus laut Überlieferung posthum zugefügt wurde. Passion, Tod und Auferstehung verdichten sich somit zu einem überzeitlichen Bild des Heilands.

Der Typus des lebend-leidenden Christus mit den Todesmalen wurzelt in der Passionsfrömmigkeit des 12. und 13. Jahrhunderts. Sie stellte eine kausale Beziehung zwischen der Sündhaftigkeit der Menschen und der Vorstellung einer fortwährenden Marter Christi her. In diesem Sinne appelliert die Inschrift an den einzelnen Betrachter, sein Heil in der Anteilnahme am göttlichen Erlösungswerk zu suchen. Dem wachsenden Bedürfnis nach privater Andacht kam das Massenmedium des Holzschnitts entgegen. Ein besonderer Reiz geht von dem Hell-Dunkel-Verfahren (franz.: Clair-obscur) aus, bei dem das Papier vor der Schwarzlinienzeichnung mit einer rotbraunen Tonplatte bedruckt wurde. Die ausgesparten weißen Stellen verleihen der muskulösen Christusfigur eine Plastizität, die das Körperverständnis der aufkommenden Renaissance durchscheinen lässt.

Ungeklärt ist die Frage nach dem Meister des Blatts. Stilkritische Untersuchungen legen eine Zuschreibung an den in Augsburg und Straßburg tätigen Hans Weiditz (um 1495–um 1536) nahe. [ Sebastian Borkhardt ]

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