Munch, Nolde, Beckmann...

Private Kunstschätze aus Süddeutschland

03.07. – 07.11.2004

In neun Abteilungen der Ausstellung werden die einzelnen Facetten der Klassischen Moderne präsentiert. Dabei steht jeweils ein Künstler – zumeist mit einer exemplarischen Reihe an Werken – im Zentrum, flankiert von seinen Künstlerkollegen. So entsteht ein visuelles Labor der Kunstgeschichte, das einen ausgezeichneten Einblick über die verschiedenen Entwicklungsstufen der Klassischen Moderne bietet.

I. Edvard Munch – Schrittmacher des neuen Jahrhunderts

Die Werke von EDVARD MUNCH bilden das fulminante Entrée der Ausstellung. Das Thema des norwegischen Künstlers, der als ein Schrittmacher der Moderne stimulierend auf die Kunstszenen wirkte, sind die großen menschlichen Tragödien zwischen Eros und Tod. In einer radikalen Abkehr vom Naturalismus reduzierte Munch die Bildwelt auf prägnante Flächen, verstärkte aber zugleich die Intensität der Farben. Es gelang ihm, eine bis dahin nicht gesehene psychologische Direktheit in der Bildsprache zu entwickeln.

II. Fauvismus und Kubismus – Impulse aus Paris

Ebenso grundlegend für die Epoche der Klassischen Moderne waren der Fauvismus und Kubismus, die in Frankreich am Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden. Ihnen ist deshalb eine eigene Abteilung gewidmet, die gemeinsam mit den Werken von EDVARD MUNCH den Auftakt der Ausstellung bilden. Dem koloristischen Rausch von HENRI MATISSE und den »Fauves« (die Wilden) setzten Kubisten wie JUAN GRIS oder FERNAND LÉGER eine geordnete, an den Volumina der Gegenstände orientierte Bildstruktur entgegen.

III. Ernst Ludwig Kirchner und die Künstlergemeinschaft »Brücke«

Bereits 1905 schlossen sich vier Architekturstudenten in Dresden zusammen und gründeten – parallel zu den »Fauves« – die Künstlergemeinschaft »Brücke«.

ERNST LUDIWG KIRCHNER war der führende Kopf der Gruppe. Er ist mit zwei weiteren Mitbegründern, KARL SCHMIDT-ROTTLUFF und ERICH HECKEL, prominent in der Ausstellung vertreten.

Ihre Werke machen den programmatischen Grundsatz deutlich, den Kirchner 1906 für die »Brücke« formulierte: »Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.« Und auch die ausgestellten Arbeiten von HERMANN MAX PECHSTEIN und OTTO MUELLER, die ebenfalls der »Brücke« beitraten, machen anschaulich, dass Empfindungen direkt im Malakt ausgedrückt werden wollten. 

IV. Nolde, Beckmann, Meidner – Drei Einzelgänger

Einige Künstler schufen ein Œuvre abseits aller gängigen Gruppendefinitionen. Zentral unter ihnen MAX BECKMANN. Er ist mit einer Reihe meisterhafter Gemälde aus der Zeit der Emigration vertreten, nachdem er 1933 auf Druck der Nationalsozialisten seine Professur an der Städelschen Kunstschule in Frankfurt/M verlor.

Im Gegensatz zu seinen dichten Bildräumen, die oftmals einen Hang zum Mythos verraten, zeigt die Ausstellung mit EMIL NOLDE einen Künstler, dessen farbenprächtige Aquarelle und Gemälde den Blick des Betrachters immer wieder neu dazu anregen, in das Wogen des Kolorits einzutauchen.

Ein dritter Einzelgänger, LUDWIG MEIDNER, ist mit seinen expressiven Werken vertreten.

V. Alexej von Jawlensky und die Künstler des »Blauen Reiters«

Wie die Künstler der »Brücke« 1905 in Dresden, so suchten wenige Jahre später in München die Maler um den »Blauen Reiter« nach einer radikal neuen Bildsprache jenseits akademischer Tradition. Allerdings wurde hier nicht nach dem Ausdruck der inneren Emotion geforscht, sondern die Erschließung der universell gültigen künstlerischen Gestaltungskräfte in Form und Farbe angestrebt.

FRANZ MARC, der 1911 zusammen mit WASSILY KANDINSKY den Almanach »Der Blaue Reiter« konzipierte, beschrieb das Anliegen mit den Worten: »Wir suchen heute unter dem Schleier des Scheins verborgene Dinge in der Natur [...], malen diese innere, geistige Seite der Natur [...].« Neben den Werken von KANDINSKY und MARC lassen sich diese lyrischen , zuweilen auch abstrakten Ansätze anhand wunderbarer Arbeiten von AUGUST MACKE, GABRIELE MÜNTER, NATALIA GONTSCHAROWA und PAUL KLEE verfolgen.

Eine ganze Suite ist hier ALEXEJ VON JAWLENSKY gewidmet, insbesondere seinen großartigen Darstellungen des menschlichen Gesichts, die in den berühmten »Meditationen« gipfeln sollten. Ab 1915, so überliefert es Jawlensky selbst, habe er versuchte, »eine neue Form für das Gesicht zu finden, da ich verstanden hatte, daß die große Kunst nur mit religiösem Gefühl gemacht werden soll.«

VI. Von Hölzel bis Mondrian – Wege der Abstraktion

Im Gegensatz zum Expressionismus formierten sich Bestrebungen, die – nach dem Vorbild der Musik – zu einer absoluten Abstraktion jenseits figurativer Anleihen führten.

Pionier auf diesem Feld war neben Kandinsky in München insbesondere ADOLF HÖLZEL. Er entwickelte als Lehrer an der Kunstakademie in Stuttgart einen eigenen Weg der Abstraktion. Eine Reihe an farbenprächtigen Pastellen stellt sein Schaffen vor Augen, die interessanterweise immer wieder die Grenze von der Abstraktion zum Figürlichen überschreiten. Werke seiner beiden berühmten Schüler IDA KERKOVIUS und WILLI BAUMEISTER geben Zeugnis von der rasanten Entwicklung des Konstruktivismus.

In Holland trat beispielsweise PIET MONDRIAN mit der Gruppe »De Stijl« hinzu, die eine radikale Beschränkung auf wenige geometrische Bildelemente und die Primärfarben einführten.

VII. Oskar Schlemmer und die Meister am Bauhaus

Das 1919 von Walter Gropius gegründete »Staatliche Bauhaus Weimar« bündelte die Tendenzen der Klassischen Moderne. Eine exemplarische Auswahl an Werken der Bauhaus-Meister demonstriert eindrucksvoll die Erweiterung der Ästhetik, die nun nicht mehr nur die Leinwand, sondern unter der Gattung Architektur alle Lebensbereiche umfassen sollte.

OSKAR SCHLEMMER öffnete seine berühmten, tektonisch ganz in der Flächigkeit aufgefassten Figurenbilder um die dritte Dimension: »Die menschliche Gestalt bietet in ihren einfachen Funktionen wie Neigen des Kopfes, Aufheben der Arme [...] eine solche Fülle von Ausdruck, daß Themen wie das Stehen, Wenden, Kommen, Gehen, genügen, ein Malerleben damit auszufüllen« (Schlemmer, Interview 1930).

Gemeinsam mit Schlemmer unterrichteten auch WASSILY KANDINSKY, PAUL KLEE und LYONEL FEININGER am Bauhaus, die alle mit wichtigen Exponaten vertreten sind.

VIII. Otto Dix und die Künstler der Neuen Sachlichkeit

Nicht minder vielfältig als die künstlerische Entwicklung von Expressionismus und Konstruktivismus war auch die Zusammensetzung der »Neuen Sachlichkeit«, die erstmals 1925 in einer programmatischen Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim an die Öffentlichkeit trat.

Diese Gruppierung verstand sich als Gegenbewegung zu den konstruktivistischen Tendenzen des Bauhauses und strebte eine neutrale, objektive Sicht auf die gegenständliche Welt an. Oftmals waren darunter Künstler wie OTTO DIX oder FRITZ BURMANN, die die Missstände der Gesellschaft – die kapitalistische Ausbeutung, das Elend der Prostitution – kritisch und in einer provozierenden Bildsprache beleuchteten.

Andere Künstler strebten dagegen eine überzeitliche Darstellung an wie der dem »Magischen Realismus« zugehörige CHRISTIAN SCHAD. Weitere Einblicke in die Neue Sachlichkeit gewähren zudem Werke von ALEXANDER KANOLDT und GIORGIO MORANDI.

IX. Dalí, Dada und die Surrealisten

Die Ausstellung mündet in ein Kabinett mit dadaistischen und surrealistischen Exponaten. Die Künstler schufen nach dem Ersten Weltkrieg aus den Bruchlinien der Zerstörung und Desillusionierung einen Trend zum Absurden.

Dazu entwickelten beispielsweise MAX ERNST oder HANNAH HÖCH eine Reihe an neuen Bildtechniken wie die Collage, die Photomontage und die Grattage. Oder entdeckten wie LOUIS SOUTTER die Fingermalerei. Bei den Surrealisten im Pariser Kreis um André Breton wurden dagegen die traumatischen Visionen und Obsessionen mit einer photographischen Detailgenauigkeit wiedergegeben und erhielten eben dadurch, beispielsweise bei YVES TANGUY oder RENÉ MAGRITTE, eine bis heute bedrängende Präsenz, während SALVADOR DALÍ das Vexierspiel der »activité paranoiaque« zeigt.

Die Staatsgalerie Stuttgart hat die persönlichen Perspektiven der Sammler aufgegriffen, um eine exklusive Begegnung mit der Klassischen Moderne zu inszenieren. Wie kaum ein anderes Museum ist die Staatsgalerie dazu prädestiniert, Schätze der Klassischen Moderne zu heben. Dabei ist jeder Besucher eingeladen, den aufschlussreichen Bezügen zwischen den hochkarätigen Exponaten unserer eigenen und der privaten Sammlungen zu folgen. Die Einmaligkeit der Präsentation macht die Ausstellung zu einem Ereignis weit über die Landesgrenzen hinaus.

Heute im Museum
01.11.14

16:00 Uhr
Erhaben - Der Begriff und die Kunst von der Romantik bis zur Moderne
Führung für Mitglieder der Freunde der Staatsgalerie

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