Ernst Ludwig Kirchner

Der Maler als Bildhauer

12.04. – 27.07.2003

Die Stuttgarter Ausstellung, die in enger Kooperation mit dem Kirchner Museum Davos entstanden ist, ermöglicht erstmals einen Überblick über Kirchners Schaffen als Bildhauer. Mit den lebensgroßen Figuren »Adam« und »Eva« von 1921, die einst als Torwächter zu Kirchners Davoser Haus »In den Lärchen« fungierten, besitzt die Sammlung selbst zwei seiner Hauptwerke sowie dessen frühe Adam-Figur.

Bald nach Gründung der Künstlergruppe »Brücke« 1905 in Dresden hatten sich die jungen Maler auch der Skulptur als Ausdrucksmedium zugewandt, doch nur Kirchner sollte sich bis an sein Lebensende kontinuierlich mit ihr beschäftigen. Im Bestreben, Kunst und Leben zu versöhnen, lotet der Künstler, durch seine Tätigkeit als Graphiker im Holzschnitt geübt, die Möglichkeiten der direkten, unvermittelten Holzbildhauerei systematisch aus.

Zunächst entstehen ab 1909 kleinformatige, roh behauene und teilweise bemalte Arbeiten, die in den großartigen »Tänzerinnen« aus Kirchners Berliner Jahren gipfeln. Diese Figuren, die fast Lebensgröße erreichen können, demonstrieren Kirchners beständiges Interesse am Menschenbild, vor allem an der Darstellung des nackten, weiblichen Körpers. Als Modelle dienen ihm immer wieder seine Geliebte Erna Schilling und deren Schwester Gerda.

Die Formbildung, aber auch die Präferenz des Nackten belegen noch deutlich den Eindruck »primitiver« außereuropäischer Kunst, die Kirchner auf der Suche nach dem Ursprünglichen in den Völkerkundemuseen von Dresden und Berlin studiert. Nach der 1917 erfolgten Übersiedlung in die Schweiz, die eine schwere psychische Krise beendet, gerät Kirchner hingegen in den Bann der Davoser Bergwelt. In der Abgeschiedenheit entstehen nun neue Bildchiffren für das Einssein von Mensch und Natur.

So symbolisiert der »Alpaufzug« von 1919 auch die Sinnstiftung der täglichen Pflichten, die der Bewohner der alpinen Bergwelt in freier Natur zu erfüllen hat. Das Relief zählt zu den Bildwerken und Möbelstücken, mit denen Kirchner sein eigenes häusliches Umfeld gestaltete. Bevorzugte Themen sind nun Motive aus der Bergwelt bzw. verschiedene Paarbeziehungen wie Mann und Frau oder Mutter und Kind. Auch werden die Oberflächen oft farblich geschlossen und zunehmend glatter, weicht die expressive Formensprache einer neusachlichen Auffassung. Mit einer Reihe holzsichtiger, stark abstrahierter Skulpturen aus den frühen dreißiger Jahren klingt das plastische Werk des Künstlers, der verzweifelt über die Verfolgung der Moderne in Deutschland 1938 den Freitod wählte, schließlich aus.

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