Hermann Nitsch »MANIFEST das lamm«, 1964, Ausschnitt eines Ausstellungsplakates in der Galerie Junge Generation, Wien, 23.06. - 05.07.1964
Im »MANIFEST das lamm« von 1964 bekennt Hermann Nitsch einleitend: »die entwicklung der kunst tendierte dahin, die wirklichkeit als gestaltungsmittel zu benützen«. In seinem Ende der 1950er-Jahre erdachten, mit Musik und Essen verbundenen Fest des »Orgien Mysterien Theaters« wird das reale Lammopfer allerdings mystisch aufgeladen und steht in Verbindung zu Christuskreuzigung und Dionysoskult der Antike, deren existenzielle und ekzessive Momente es verbinden und nacherlebbar machen wollte.
Weniger dem Mythos verpflichtet, führte Otto Mühl in seinen tabubrechenden Aktionen unter Verwendung von Mehl, Eiern, Blut und Exkrementen die »action painting« eines Jackson Pollock mit lebensnahen Materialien weiter.
Bei Günter Brus und Otto Schwarzkogler kommt noch die Verletzung des eigenen Körpers hinzu, indem sie ihn nicht nur bemalen, sondern buchstäblich zum Zerreißen bringen.
Friedensreich Hundertwasser wollte durch »schöpferische Verschimmelung« menschenfeindliche Betonburgen lebenswert machen, Arnulf Rainer selbstauslöschend malen, »um die Malerei zu verlassen«. Der »Wiener Aktionismus«, der als wichtigster Beitrag Österreichs zur zeitgenössischen Kunst gilt, ist einerseits als politische Provokation einer von Katholizismus und faschistischen Nachwehen geprägten Umwelt zu sehen, andererseits - wie letztendlich alle Manifestationen der hier vorgestellten Gegenkultur - als Provokation der internationalen abstrakten Kunst, deren lebensfremde Abgehobenheit angriffslustig konterkariert wurde.
Zu allen oben genannten Künstlern sowie zu der als literarischer Wegbereiter zu sehenden »Wiener Gruppe« (Gerhard Rühm, Friedrich Achleitner, Hans Carl Artmann, Oswald Wiener) und anderen mit den Aktionisten sympathisierenden Österreichern wie Kurt Kren, Valie Export oder Peter Weibel befinden sich umfangreiche Dokumentationen in der Archiv-Sammlung. [ IC ]
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