Wolf Vostell (Hrsg.) »décollage, Nr. 5 mit Schokoladenmultiple von Joseph Beuys«, Köln/Frankfurt
1962 gründete Wolf Vostell mit der ersten Nummer der Zeitschrift »décoll/age« mit Texten und Partituren von George Maciunas, Addi Köpcke, Nam June Paik, Benjamin Patterson, La Monte Young und anderen ein Kompendium der Intermediakunst, das bis 1969 auf sieben Exemplare anwuchs und - Ironie der Geschichte dieser marktwirtschaftliche Mechanismen attackierenden Antikunstbewegung - heute durch das in der fünften Nummer befindliche Schokoladenmultiple von Joseph Beuys ein rares Sammlerstück ist. Für Hanns Sohm war die Zeitschrift und die Bekanntschaft mit Wolf Vostell seinerzeit die Initialzündung zu seiner Archivierung von ephemerer Zeitkunst zum Zeitpunkt ihres Entstehens, die nahezu jeden ihrer relevanten Protagonisten berücksichtigen sollte.
In seinem 1958 geschriebenen Aufsatz zum »Erbe Jackson Pollocks« hatte der Amerikaner Allan Kaprow als einzig mögliche Weiterführung der Kunst die Ausdehnung des »dripping« in den Raum verkündet. In alltagsnahen, unmystischen und das Publikum miteinbeziehenden Handlungen, denen er die bald inflationär benutzte Bezeichnung »Happening« gab, setzte er diese These in die Tat um. In Deutschland wurde Wolf Vostell zum wichtigsten Veranstalter des Happenings, das er, anders als die meisten amerikanischen Aktionskünstler, als politische Demonstration begriff. Mit dem angeblich zufällig in einer Pariser Zeitung gefundenen Begriff »dé/collage« (=Flugzeugabsturz) bezeichnete er nicht nur seine Plakatabrisse und Illustriertenverwischungen - die den Nouveaux Réalistes und Robert Rauschenbergs »Combine paintings« viel verdanken -, sondern auch Aktionen, die die Zerstörungskomponente zeitgenössischer Vorgänge attackieren (wie z.B. 1964 »in Ulm und um Ulm herum«, wo ein Militärflugplatz mit aufheulenden Düsentriebwerken zum Konzertsaal erklärt wurde). [ IC ]
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